26.8.2024:
Regenerative Landwirtschaft als echtes
Ausstiegsszenario für konventionelle Landwirte
«Jede
Pflanze hat ihre mikrobiologische Mission», erklärt
Simon Junge im Interview mit «Transition News». Der
Landwirt betreibt in Brandenburg eine solidarische
Landwirtschaft und verbindet dabei regenerative
Landwirtschaft mit sozialen Aspekten.
https://transition-news.org/regenerative-landwirtschaft-als-echtes-ausstiegsszenario-fur-konventionelle
Simon Junge: Dieser Begriff wird überall verwendet und
ist einfach nur eine politische Phrase wie «Klimawandel»
oder «Agenda 2021». Es braucht in der öffentlichen
Debatte immer diese Schlagwörter, um eine Bewegung zu
bündeln. Aber Agrarwende ist einfach eine Phrase.
Wenn man die Landwirtschaft kennt, dann kennt man auch die
Untiefen, all die Baustellen und vielleicht auch den
Kipppunkt, ab dem man von einem Wendepunkt in der
Entwicklung sprechen kann. Aber Agrarwende ist für mich
Polemik. Ich bin objektiv gesehen irgendwie Teil der
Agrarwende, aber ich will mit diesem politischen Geschwätz
nichts zu tun haben.
Bei der Agrarwende schwingt ja auch mit, dass eine große
Veränderung von oben vorgegeben werden soll. Aber Sie
betreiben schon seit längerer Zeit eine andere
Landwirtschaft – Ihre persönliche Agrarwende sozusagen.
Sie wollen sehr wohl Veränderung in der Landwirtschaft,
wie sieht diese aus?
Das Persönliche würde ich in dem Zusammenhang sogar
vermeiden wollen. Ich habe natürlich meinen persönlichen
Blick und meine Sicht auf die Angelegenheit, aber im
Großen und Ganzen geht es um Dinge, die aus
unterschiedlichen Perspektiven zu erkennen und damit eher
überpersönlich sind. Da kann man verschiedene ökologische
Aspekte herausgreifen, mit denen wir Natur beschreiben.
Und um mal einen populären zu nehmen: den Kohlenstoff im
Boden – den wir eigentlich Humus nennen.
Kohlenstoff im Boden ist auch so eine notwendige Verengung
auf ein Schlagwort, damit man irgendwie klarmachen kann,
wovon eigentlich die Rede ist. Natürlich liegt der
Kohlenstoff in tausend verschiedenen Konfigurationen vor,
aber man weiß damit ungefähr, was gemeint ist.
Was ist damit gemeint?
Kohlenstoff im Boden ist die Menge an Kohlenstoff
beziehungsweise Humus, die wir im Boden halten und
aufbauen können. Und je nachdem wie man wirtschaftet, hat
das Effekte darauf.
Man weiß, wie sich über die vergangenen einhundert oder
mehr Jahre der Kohlenstoff im Boden entwickelt hat, oder
wie sich die Begradigung von Flüssen auf die
Fließgeschwindigkeit auswirkt, wie sich das Verhältnis von
Wald und Feld auf die Erwärmung der Oberfläche auswirkt
und so weiter.
In diesen Bereichen haben über die Jahrhunderte und ganz
besonders durch die Industrialisierung der Landwirtschaft
seit dem Zweiten Weltkrieg massive Veränderungen
stattgefunden. Und nehmen wir mal die folgenden Faktoren –
es sind natürlich noch viel mehr – Kohlenstoff im Boden,
Verweildauer des Wassers auf der Oberfläche und
biologische Vielfalt: Das sind drei bedeutende biologische
Faktoren.
Und das Schöne dabei ist, man kann über diese Faktoren
sprechen, ohne gleich in eine Kontroverse über Klimawandel
zu geraten – ob man das jetzt glaubt oder nicht – weil das
alles im Bereich der persönlichen Wahrnehmung und
Nachvollziehbarkeit liegt. Für den Kohlenstoff im Boden
braucht man vielleicht ein fachliches Auge, aber man kann
bereits mit einfachen Mitteln nachmessen, wie sich der
Kohlenstoffgehalt in den Böden verändert und vor allem wie
schwierig er sich regenerieren beziehungsweise aufbauen
lässt.
Wir haben seit 1900 einen Abbau von Bodenkohlenstoff, weil
unsere Möglichkeiten, den Boden zu bewegen, seit der
industriellen Revolution immens gewachsen sind. Das darf
man nicht unterschätzen: Durch die mechanischen
Möglichkeiten können wir jeden Boden bei fast jedem Wetter
irgendwie bearbeiten.
Und wie hängt die Bodenbearbeitung mit dem Kohlenstoff
zusammen?
Je mehr ich Boden bearbeite, desto mehr Sauerstoff bringe
ich in den Boden und desto mehr unterstütze ich oxidative
Prozesse, die Kohlenstoff, also die biologisch aktiven
Substanzen, veratmen. Und die sind immer
kohlenstoffbasiert. Organische Verbindungen, biologisch
aktive Substanzen, werden durch Oxidation abgebaut, sodass
sie letztlich zu Salzen, Mineralien werden. Der
landwirtschaftliche Fachbegriff dafür ist
«Mineralisierung», also der Abbau von komplexen
organischen Substanzen zu Wasser, CO2 und Salzen.
Das heißt, die Mineralisierung muss immens zugenommen
haben?
Für dieses Immense muss man erst das Bewusstsein
entwickeln, weil man das nur in bestimmten Situationen
direkt sehen kann: Wenn man bei einem Bauern ist, der seit
vielen Jahren gut gewirtschaftet hat, und der Bauer
daneben schlecht gewirtschaftet hat, dann kann man
tatsächlich an der Feldkante einen Farbunterschied sehen.
Auf der einen Seite ist der Boden dunkler und auf der
anderen heller, man sieht eine gerade Linie entlang der
Bewirtschaftungsgrenze. Das ist eine Schlüsselerfahrung.
Zu Beginn meiner Ausbildung zum Landwirt habe ich Manfred
Wenz gehört. Der hat ein Foto gezeigt: Auf der rechten
Seite lagen lauter Steine, das war wie grober Kies, der
auf der Oberfläche lag. Auf der anderen Seite waren die
Steine durch die Bewirtschaftung tatsächlich verschwunden.
Beim Nachbarn lag der Kies obenauf, bei Manfred Wenz war
er weg. Er hatte Regenwürmer gefördert und die haben jedes
Jahr eine Feinbodenschicht an der Oberfläche abgelegt, die
einfach über die Steine gewachsen ist. Und wenn man sonst
wenig Bodenbearbeitung macht, dann versinken die Steine
wieder – normalerweise steigen bei der
landwirtschaftlichen Bewirtschaftung Steine auf. Dieses
Bild hat mich begleitet und mich zu einer neuen
Landwirtschaft inspiriert.
Auch biologische Vielfalt kann man natürlich sehen. Man
kann nachsehen, was man alles findet. Man weiß, was beim
Autofahren alles auf der Scheibe kleben bleibt.
Auf der Windschutzscheibe bleiben immer weniger Insekten
...
Ja, natürlich. Wir erinnern uns an Zeiten, als das Auto
immer verklebt war – jetzt ist das in der Regel anders. Es
gibt tolle Apps, mit denen man Tiere und Pflanzen
bestimmen kann. Man kann also relativ schnell und sicher
feststellen, wie es um die biologische Vielfalt in einem
bestimmten Gebiet bestellt ist.
Und mit dem Wasser ist es auch offensichtlich: Wie viel
Fläche ist versiegelt? Welche Wege nimmt das Wasser? Wird
es zurückgehalten oder darf es fließen? Wie schnell
versickert es oder fließt es oberflächlich ab? Das sind
Dinge, die man sehen kann und die für die Vegetation,
Artenvielfalt und Humusbildung eine Rolle spielen. Aber
auch das Kleinklima oder das lokale Klima hängt von dieser
Wasserzirkulation ab.
Und so könnte man jetzt alle möglichen Faktoren
durchgehen. Aber wenn man mal diese drei – Kohlenstoff im
Boden, Verweildauer des Wassers auf der Oberfläche und
biologische Vielfalt – nimmt, kann das eigentlich jeder,
wenn er sich ein bisschen Mühe gibt, nachvollziehen.
Landwirten fällt das leichter, weil sie vielleicht noch
Messdaten haben und jeden Tag draußen sind und im Prinzip
nur ein bisschen aufmerksamer sein müssen als sonst, um
diese Dinge beurteilen zu können.
Weniger Bodenbearbeitung, weniger Versiegelung. Meinen Sie
mit neuer Landwirtschaft ein Zurück zum Alten?
Man kann schnell zu dem Schluss kommen, das wäre das, was
die Alten gemacht haben. Aber wenn man in der
Landwirtschaft drinsteckt, weiß man, dass es etliche
Sachen gibt, die uns fundamental von dem unterscheiden,
was die damals gemacht haben. Vor allem das Bewusstsein
ist anders. Landwirtschaft war eine uralte Tradition und
fatal unbeweglich: Je nachdem aus welcher Region man kam,
hatte man in diesen Traditionen eine umfassende Weisheit
oder einen tradierten gesellschaftlichen Notstand. Es sind
ja schon in der ferneren Vergangenheit landwirtschaftliche
Fehler gemacht worden.
Aber es hatten sich eigentlich fast bis in unsere Zeit,
also bis ins 20. Jahrhundert, landwirtschaftliche
Traditionen erhalten, die ich als instinktiv bezeichne.
Die sind wirklich uralt und eigentlich auch richtig. Aber
diese Art der Bewirtschaftung ging im Laufe des 20.
Jahrhunderts endgültig verloren. Es gibt eigentlich kaum
einen Landwirt, der nicht durchindustrialisiert wurde: Sie
denken alle nur noch an Spritzmittel und PS-Klassen.
PS wie die Pferdestärken der großen Maschinen?
Genau. Wie groß der Traktor sein muss und was ich für eine
Flächenleistung damit habe. Das Alte gibt es einfach nicht
mehr. Die Traditionalisten sind mittlerweile die, die bei
irgendeinem Problem meinen, das und jenes spritzen zu
müssen. Das begegnet mir eigentlich aktuell als Tradition.
Die neuen Pioniere dagegen sagen: Wir müssen lernen, die
ökologische Situation zu beurteilen.
Pionieren geht es also darum, die Ursachen zu verstehen?
Ja. Es braucht eine ganzheitliche Betrachtung der
Naturzusammenhänge, die uns zeigt, wie die Natur auf
bestimmte Belastungen und Vereinseitigungen reagiert –
Pflanzenkrankheiten, Mangelerscheinungen, Schädlinge sind
die Folge. Und diese ganzheitliche Betrachtung der
Naturzusammenhänge steht ganz am Anfang.
Selbst bei den biologischen Landwirten
ist das nicht anders. Man kann biologische und
konventionelle Landwirtschaft als ein und dieselbe
Tradition sehen: Beide arbeiten problemorientiert – auf
einer einseitigen wissenschaftlichen Grundlage basierend.
Sie beschreiben sowohl die konventionelle als auch die
biologische Landwirtschaft als traditionell. Was wäre denn
neu?
Die neueren Impulse in der regenerativen Landwirtschaft
suchen ein ganzheitliches, wissenschaftlich fundiertes
Verständnis. Zwar kennen wir seit den 70er-Jahren schon
Bill Mollison und seine Permakultur, aber wie viel
wirklich klares, wissenschaftlich fundiertes Bewusstsein
steckt da drin?
Bill Mollison hat viele Leute völlig berechtigt zum
Träumen inspiriert. Aber die heutige wissenschaftliche
Grundlage stellt sich als vollständiger, weitreichender
dar und kann dem modernen Erkenntnisanspruch mehr Substanz
geben, als das Bill Mollison mit seiner wunderschönen
Bewegung konnte.
Da schwingt Kritik an der Permakultur-Bewegung mit ...
Für mich bedeutet Landwirtschaft ein allgemeines
Naturverständnis, das Perspektiven und Lösungsansätze für
jede Dimension bietet. Ich habe Permakultur-Vertreter
kennengelernt, die keine besonders guten Landwirte waren,
sondern eher eine Art von Subsistenz-Utopie, also
Selbstversorgung, vertreten haben. Permakultur hat ganz
viele Leute dazu inspiriert, kleine Inseln zu schaffen,
die so etwas wie ein Autarkie-Ideal verströmen.
Die regenerative Landwirtschaft richtet
sich allerdings an professionelle und auch
gewinnorientierte Landwirte, also an Menschen, die
wirklich von ihrer Landwirtschaft leben wollen.
Aber noch einmal zurück zu dem, was ich problemorientierte
Landwirtschaft nenne: Das war sozusagen der erste Versuch
einer wissenschaftsbasierten Landwirtschaft, und der ist
gründlich schiefgegangen.
Viele Menschen beschweren sich, dass Obst und Gemüse nach
nichts schmecken. Hängt das damit zusammen?
Man hat den Weg des Kunstdüngers und in der Folge der
synthetischen Pflanzenschutzmittel beschritten und damit
auch eine gewisse Perfektion erreicht, woraus sich aber
wenigstens zwei Folgen ergeben: Erstens, der
Vitalstoffgehalt hat dramatisch abgenommen. Wir merken es
daran, dass die Sachen einfach nicht mehr schmecken, dass
sie teilweise Allergien auslösen und so weiter. Es ist
höchst bedenklich, was da an Nahrungsmittelqualität
rauskommt. Zweitens hat die biologische Vielfalt und somit
die Stabilität unserer landwirtschaftlichen Ökosysteme
dramatisch abgenommen.
Diese Dinge leuchten jedem ein, aber sie finden
schleichend statt – so wie der Humusabbau in den Böden.
Was hier passiert, ist der totale Wahnsinn. Aber man hat
es sehr leicht – zumindest wenn man einen Fernseher zu
Hause hat – an diesen Dingen vorbeizuschauen. Als normaler
Mensch, der in der Stadt lebt, ist man von diesen Dingen
völlig isoliert. Selbst wenn man Landwirt ist, konsumiert
man genug manipulative Informationen, die es einem möglich
machen, diese Dinge entweder zu übersehen oder völlig
falsch einzuordnen.
Bei Aussagen wie: «Wenn wir nicht spritzen würden, hättet
ihr lauter krankes Zeug auf dem Teller.» merkt man, wie
eine ganze Agrarindustrie an diesen Sätzen gearbeitet hat.
Solche Märchen werden in Umlauf gebracht, so wie die Lüge,
dass die Weltbevölkerung nur konventionell zu ernähren
sei.
Wenn man die PR-Maschinerie dafür hat, kann man alles
Mögliche verbreiten. Aber das, was wir unmittelbar vor
Augen haben, zeigt uns etwas ganz anderes:
Es ist für jeden Menschen zu erkennen,
dass die Pflanzen dadurch, dass man die Probleme
wegspritzt, krank bleiben. Sie sehen gut aus, aber haben
bestimmte Schwächen. Und diese Schwächen wirken sich auf
unsere Ernährung aus. Obst und Gemüse schmecken nach
nichts, und auch wir Menschen bekommen dadurch
Mangelerscheinungen. Das, was wir den Pflanzen antun,
wirkt mittelbar auf unsere menschliche Konstitution.
Die traditionelle Landwirtschaft des 20. Jahrhunderts,
diese problemorientierte, wissenschaftsbasierte erste
Generation von moderner Landwirtschaft, regt einseitig das
Wässrige in den Pflanzen an. Pflanzenwachstum wird über
die Wasseraufnahme gesteuert, in das Bodenwasser werden
Düngemittel und Pflanzenschutzmittel eingebracht, und die
Pflanzen müssen das aufnehmen. Die moderne Landwirtschaft
hat ein System der Zwangsernährung für Pflanzen
entwickelt. Man hat große grüne Pflanzen, die sehen toll
aus, aber sie schmecken nicht. Das Wasser ist da, eine
gewisse Form ist da, aber keine Qualität.
Und welchen Weg versucht die neue Generation der
regenerativen Landwirtschaft zu gehen?
Ein Blick auf die frische Ernte; Foto: GranDeliSee.
Sie versucht, eine breitere wissenschaftliche Basis zur
Grundlage der Landwirtschaft zu machen. Es geht in die
Richtung der Ganzheitlichkeit – wie man so schön sagt.
Wir müssen bei der Betrachtung der
Pflanze nicht nur die mineralische Grundlage der
Pflanzenernährung berücksichtigen, sondern dass diese in
einen biologischen und vor allem mikrobiologischen Kosmos
eingebettet ist.
Wir haben überall Biologie und Mikrobiologie, die eine Art
Biosphäre um jede Pflanze herum bilden. Und die Vielfalt
dieser Sphäre entscheidet darüber, wie die Pflanze wächst.
Die Vermittlung von Mineralien, die wir als konventionelle
Landwirte über direkte Kanäle – zum Beispiel über das
Bodenwasser, über Blattdüngung – der Pflanze aufzwingen,
überlassen wir der Biologie beziehungsweise der
Mikrobiologie.
Um Ihre Formulierung aufzugreifen, was bedeutet es,
Mineralien über die Biologie zu vermitteln?
Dass ich nicht mehr die Pflanze direkt dünge, sondern
frage: Wie kann ich die Biologie, von der die Pflanze
umgeben ist, vervollständigen. Zur Pflanze gehört eine
ganze mikrobielle Umgebung, die sich auf ihren
Blattoberflächen, aber insbesondere in ihrem Wurzelraum
ausbreitet, und die fortwährend mit dem pflanzlichen Leben
konstruktiv korrespondiert.
Die Pflanze züchtet ab dem Zeitpunkt,
wo man das Samenkorn in den Boden legt, um sich herum eine
artspezifische Biosphäre an, also Bodenorganismen, die
eine hochkomplexe Organisation des Stoffwechsels leisten
können. Und wenn man die Pflanzen mit mineralischen
Düngern direkt anspricht, kommt man nicht in diese
Komplexität.
In der regenerativen Landwirtschaft sagen wir, direktes
Düngen ist zu grob. Wir können niemals so exakt, so fein
düngen, wie es die Natur vermag. Und deshalb verlagern wir
die Aufmerksamkeit von der unmittelbaren Ernährung der
Pflanze auf die Stärkung ihrer biologischen Umgebung und
versuchen, möglichst viele Düngungsimpulse und
Ernährungsaufgaben der Biosphäre der Pflanze zu
überlassen.
Fragen Sie dabei auch nach den physiologischen Grundlagen:
Wie ist der Kalk im Boden? Ist genug Kupfer oder Schwefel
vorhanden?
Das fragen wir uns alles. Aber nicht nur in Bezug auf die
Pflanze direkt, sondern auch – und teilweise sogar
schwerpunktmäßig – in Bezug auf das Bodenleben oder die
Biosphäre. Denn das Leben beschränkt sich nicht nur auf
den Boden. Das Leben findet auch in der unmittelbaren
Umgebung der Blätter und Blüten statt. Alles ist
besiedelt, bis in die Luft hinein haben wir Steuerkreise.
Je nachdem wie die Luft gestimmt ist, kann eine Pflanze
sich entsprechend verhalten. Und auf die Zusammensetzung
der Luft kann man als Mensch einen gewissen Einfluss
ausüben.
Wie können Landwirte Einfluss auf die Luft nehmen?
Das einfachste Beispiel ist, dass man das bodennahe CO2
anreichert, indem man den Wind bremst: Hecken baut,
Pappeln pflanzt, viele Bäume in der Landschaft hat oder
Gras einfach nur höher wachsen lässt. Hat das bodennahe
CO2 eine längere Verweildauer, wird es nicht so schnell
weggeweht und kann damit einen Düngeeffekt auslösen.
Und es gibt auch biologische Prozesse, die atmosphärisch
basiert sind – das ist aber schwer zu greifen. Man merkt
nur, dass es nicht egal ist, ob in einer feuchten,
besprühten Atmosphäre ein Ferment oder eine sonstige
biologisch wirksame Substanz enthalten ist oder nicht.
Damit kann ich biologische Funktionen, zum Beispiel
Pilzbildung oder Mehltau, regulieren oder provozieren.
Nochmal eine Frage zum Begriff «regenerativ». Was will die
regenerative Landwirtschaft wiederherstellen
beziehungsweise erreichen?
Regenerativ bedeutet in diesem Fall wiederaufbauend. Die
Auffassungen weltweit davon sind recht ähnlich, aber
trotzdem unterschiedlich, weil es kein fest definierter
Begriff ist. Ich kann nur empfehlen, sich die Definition
von Dietmar Näser anzusehen: Kohlenstoff im Boden,
Wasserhaltefähigkeit und biologische Vielfalt wird man da
leicht wiederfinden.
In der regenerativen Landwirtschaft
wollen wir ergebnisorientiert arbeiten. Und das definieren
wir über positive Ziele: Ein Ziel ist zum Beispiel, nicht
generell Bodenbearbeitung zu vermeiden, sondern den
Kohlenstoffgehalt im Boden zu erhöhen – und dafür ist eine
Reduktion der Bodenbearbeitung ein naheliegendes Mittel.
Regenerativ heißt aber auch, dass es immer weitergehen
kann. Der Kohlenstoffgehalt der Böden lag vor 200 Jahren
bei fünf Prozent. Und wenn wir fünf Prozent Humus
großflächig erreicht hätten, vielleicht ginge es noch
weiter bis acht Prozent. Wer weiß. Und was passiert dann?
Kommen wir dann in neue Dimensionen, die es so vielleicht
in der Naturentwicklung noch gar nicht gegeben hat, die
aber unter Umständen sinnvoll wären anzustreben? Das ist
eine Frage, die dann eigentlich über das Regenerative
hinausgeht: Wohin lässt sich überhaupt ein
Naturzusammenhang entwickeln, selbst wenn es dafür gar
keine Beispiele in der Geschichte gibt?
Seit wann betreiben Sie regenerative Landwirtschaft?
Ich hatte mein Leben lang diesen Anspruch, dass die
Landwirtschaft der Erde gut tun muss. Und vor kurzem habe
ich in Brandenburg die Gemüsebau-Initiative GranDeliSee
gegründet. Als Genossenschaft machen wir den regenerativen
Anspruch zu einer öffentlichen Verpflichtung. Im Zuge
dessen wurde mir klar, dass ich mich noch weiterbilden
möchte. Und mit dem, was ich gelernt habe, kann ich sagen,
dass es höchst zweifelhaft ist, ob ich vorher wirklich
regenerativ gearbeitet habe – was den Bodenaufbau und die
biologische Vielfalt betrifft.
GranDeliSee wird als solidarische Landwirtschaft
betrieben. Aber was ist das Regenerative daran?
Wir setzen uns konkrete Ziele. Die Grundsteinlegung für
das Projekt war die Einrichtung einer Baumanlage. Also
das, was man heute Agroforst nennt. Wir hatten viel Freude
daran, 90 verschiedene Arten zusammenzutragen und
anzupflanzen. Allerdings mit dem Effekt, dass diese Anlage
fördertechnisch als Agroforst nicht anerkannt wird, da
sich eine derartige Artenvielfalt mit den Richtlinien
nicht verträgt – das nur als kleine Spitze dazu, wie heute
mit innovativen Impulsen umgegangen wird.
Eine Landwirtschaft mit Weitblick in Brandenburg; Foto:
GranDeliSee.
Was bedeutet Agroforst?
Das ist eine locker baumdurchsetzte Landschaft, die man
sowohl forstlich als auch ackerbaulich nutzen kann.
Zwischen den Bäumen ist noch genug Platz, um die Flächen
zu bewirtschaften. Es sind in unserem Fall Baumreihen mit
Abständen von 8,5 bis 12 Metern.
Was sind das für Bäume?
Also wie gesagt, 90 verschiedene Arten, heimische und auch
exotische Bäume mit einem gewissen Schwerpunkt auf schnell
wachsende Gehölze, wie zum Beispiel Pappeln, Weiden,
Erlen, aber auch Leguminosen, also Hülsenfrüchtler – da
gehört zum Beispiel die Robinie dazu. Es gibt noch
Leguminosen-Sträucher oder auch Ölweidengewächse, die
ebenfalls eine gewisse eigene Stickstoffversorgung in
ihrer Mikrobiologie organisiert haben. Und dann haben wir
Wildäpfel und alle möglichen Beeren.
Und dazwischen steht noch mal eine biologische Vielfalt
als Gründüngung: Wir haben gleich 30 Arten auf einmal
ausgesät, die dann in der Reihenfolge wie sie blühen und
wie sie sich über die Monate und Jahre entwickeln, ein
weiteres großes Vielfaltsreservoir bieten. Einmal im Jahr
machen wir zu unserem Hoffest eine Führung mit dem
Designer der Anlage – er kann stundenlang erzählen, was
das für Arten sind.
Also der Gründungsimpuls für GranDeliSee war die
biologische Vielfalt. Wir haben eine Monokultur
ausgerodet, das waren nur Apfelbäume mit Gras drunter,
haben gepflügt, eingesät und in die Zwischenräume Bäume
gepflanzt, sodass sich dort eine Vielfalt von über 100
Arten findet, die wir selbst eingebracht haben.
Sie haben auf einer Fläche von zwei Hektar also über 100
Arten eingebracht. Was soll dadurch erreicht werden?
Ziel ist, eine Zusammensetzung der biologischen Vielfalt
herzustellen, die potenziell bodenaufbauend ist.
Insbesondere die Kombination von Leguminosen und Gräsern
ist die Schlüsselkomponente für eine möglichst breite
Mikroflora im Boden. Und eigentlich gehört noch Kohl dazu
– davon haben wir im Gemüsebau natürlich relativ viel. In
der Gründüngung ist Kohl in bestimmten Phasen auch noch
enthalten, aber da haben wir in GranDeliSee noch ein
bisschen Verbesserungsbedarf. Besonders auf großen
Flächen, wo wir mit dem Gemüsebau nicht hinkommen, wollen
wir den Kohl – also alles Senf-, Rettich- oder Kohlartige
– noch fördern.
Wie misst man denn den Erfolg dieser solidarischen
regenerativen Landwirtschaft?
Die biologische Vielfalt und auch die Baumdurchsetzung
können gemessen und quantifiziert werden. Außerdem geht es
um die Art der Bewirtschaftung selbst und wie man mit
Kohlenstoff umgeht. Das ist ein ganzer Strauß von
Arbeiten, die der Landwirt das Jahr über zu tun hat,
sowohl bodenvernichtende Tätigkeiten, wie
Bodenbearbeitung, als auch Humusmanagement, im Sinne von
Kompost oder Gründüngung.
Wir versuchen die Bodenbearbeitung zu reduzieren – wir
müssen im Gemüsebau teilweise viel Bodenbearbeitung machen
– und durch den Einsatz von Fermenten die Verarmung des
Kohlenstoffs zu minimieren, der durch den
Sauerstoffeintrag entsteht. Sodass die Oxidation in dem
Moment, wo man den Sauerstoff reinbringt, durch eine
zusätzliche Impfung gebremst wird.
Wir können versuchen, Kohlenstoff in Form von Kompost
dazuzugeben – das ist aber ein heikles Thema –, und wir
können die Mikrobiologie direkt fördern. Das ist
gewissermaßen das zentrale oder populärste Element der
regenerativen Landwirtschaft, dass man über Flüssigdünger
beziehungsweise Blattdünger das Bodenleben direkt oder
indirekt aufbaut.
Wie kann das Bodenleben indirekt aufgebaut werden?
Der direkte Aufbau von Bodenleben würde heißen, wir
verflüssigen Kompostsubstrate, die wir möglichst selbst
herstellen, die also vor Ort aus der vorhandenen
mikrobiellen Atmosphäre heraus gewachsen sind, und
reichern damit den Boden an. Das bringt starke Effekte.
Aber man hat noch stärkere Effekte, wenn man das nicht
direkt macht, sondern indirekt über die Pflanzen.
Anstatt direkt das Bodenleben anzuregen, ist es klüger,
eine Pflanze dazu zu bringen, für das Bodenleben tätig zu
werden. Das ist jetzt zweimal um die Ecke gedacht: Ich
will eine gute Pflanze haben, dafür fördere ich das
Bodenleben. Um das Bodenleben zu fördern, fördere ich die
Pflanze. Dabei geht es aber nicht um die direkte Düngung
der Pflanze, sondern um die Reizung der Pflanze, damit sie
biologisch aktiv wird.
Und das ist ein ganz anderer Ansatz, als eine Pflanze mit
dem Fokus auf Ertrag zu düngen. Es ist ein Kreis:
Wir sind von der Pflanze weg, hin zum
Bodenleben und wieder zur Pflanze zurückgekommen, weil die
Pflanze der Organismus ist, der am besten in der Lage ist,
Boden aufzubauen. Das ist sozusagen der zentrale Gedanke,
um den Ansatz von regenerativer Landwirtschaft zu
verstehen.
Kann man also vereinfacht sagen, dass die Pflanzen über
ihre Wurzeln den Boden aufbauen?
Ja. Zur Biologie gehören nicht nur die kleinen Tierchen
überall, die man natürlich unterstützen kann. Wenn ich
sage, wir brauchen für eine optimale Bodenentwicklung
Gräser, Leguminosen und Kohl in einer breit aufgestellten
Gründüngung, dann hat das mit der Mikrobiologie zu tun.
Gräser kultivieren eine bestimmte Mikrobiologie, so wie
die Leguminosen und die Kohlpflanzen und jede andere
Pflanze natürlich auch. Sie haben ihre mikrobiologische
Mission.
Die Besiedlung des Bodens wird durch vegetative Vielfalt
gesteuert. Das können wir natürlich durch Aussaat, aber
auch durch die Kultivierung dieser Pflanzen erreichen,
also wie und ob wir sie mähen oder blühen lassen. Außerdem
durch die weitere Düngung und Reizung.
Und die klügste, risikoärmste und materialextensivste
Möglichkeit ist die Düngung der Pflanze übers Blatt. Ich
versuche also, einen Reizungsimpuls in das
Pflanzenwachstum zu setzen, der die Pflanze anregt,
harmonischer und intensiver in ihrem Stoffwechsel zu sein.
Und das geht interessanterweise wieder über die
Mikrobiologie. Jetzt sind wir im Zirkelschluss noch mal
eine Stufe weiter: Ich kann die Pflanze mikrobiologisch
anregen, indem ich ein mikrobiologisches Präparat auf die
Pflanze bringe. Und das regt die Pflanze an, ihrerseits
aktiver im Stoffwechsel zu werden und so den Aufbau ihrer
individuellen artspezifischen Mikrobiologie im Boden zu
verstärken.
Was sind die Vorteile dieser Methode?
Diesen Effekt kann ich mir zunutze machen. Dieser Umweg
über die Pflanze hat den Vorteil, dass ich mit sehr
geringen Mengen arbeiten kann. Ich muss nicht tonnenweise
Zeug auf den Boden kippen, sondern ich überlasse die
Arbeit der Pflanze. Und die Pflanze ist sehr sensibel, sie
reagiert auf feine Ansprachen, und da reicht es eben, wenn
ich die Atmosphäre verändere.
Beispielsweise die Art und Weise, wie Licht von der
Pflanze aufgenommen wird: Wenn ich da ein bisschen
eingreife, indem ich ein mit Kiesel versetztes Präparat
spritze, verändert das die Stoffwechselintensität im
Blatt. Das ist wie Homöopathie, es sind so geringe Mengen:
30 Liter pro Hektar, also drei Milliliter auf einen
Quadratmeter; und die erzeugen schon nach zwei Stunden
einen messbaren Stoffwechseleffekt. Die Pflanze kann mit
dem Licht plötzlich mehr anfangen. Kurz gesagt: Ich kann
den Stoffwechsel der Pflanze anregen, und das kommt dem
Boden zugute.
Ich kann die Pflanze aber auch mikrobiologisch reizen.
Einen ähnlichen Effekt kann ich zum Beispiel auch durch
eine Art Heuaufguss erzeugen: Ich tauche Heu in Wasser,
lasse das bei einer bestimmten Temperatur mindestens 24
Stunden stehen, und dann kann ich dieses Wasser spritzen.
In der Heukultur sind natürlich alle möglichen Organismen,
aber auch Kieselbestandteile, die bei der Abreife von Gras
an den Blattoberflächen sitzen. Und dieses leicht
verkieselte, leicht vergorene Wasser vermittelt einen
Stoffwechselreiz. Ich brauche dafür ganz wenig.
Und mit dem richtigen Knowhow – da
brauchen wir wieder eine exakte, ganzheitliche
Wissenschaft – zur richtigen Tageszeit, in der richtigen
Menge und Wachstumsphase eingesetzt kann mich das
vorwärtsbringen.
Und das populärste und zentralste Werkzeug in der
regenerativen Landwirtschaft ist der sogenannte Komposttee
oder Kompostauszug, Kompostextrakt. Ich nehme also Kompost
– möglichst guten Kompost – und bringe den in eine
flüssige Phase. Das heißt, ich spüle alles raus, was
wasserlöslich ist, das ist hauptsächlich mikrobiell, das
was durch ein feines Sieb noch durchgeht, und bringe das
direkt aus.
Oder ich aktiviere den Kompostauszug noch mal mit
Sauerstoff und Zucker. Dieses Verfahren macht es möglich,
mit geringen Mengen Kompost auszukommen, aber es braucht
ein bisschen mehr Technik. Und die Verflüssigung macht es
möglich, dass ich schnell überall hinkomme und das auch
öfter machen kann.
Auch unsere konventionellen Kollegen fahren mit ihrer
Spritze zehn-, 20-, 30-mal im Jahr über den Acker, je
nachdem um was für einen landwirtschaftlichen Bereich es
sich handelt. Und sie könnten auch mit einem Kompostauszug
darüberfahren und regenerative Landwirtschaft betreiben.
Das klingt nach einer Möglichkeit, die konventionelle
Landwirtschaft mit ihren großen Flächen und teurem
Fuhrpark umzustellen und trotzdem überleben zu können ...
Einige machen das bereits und haben damit Erfolge.
Landwirtschaft ist dadurch nicht einfacher, aber besser
geworden. Die Kollegen müssen sich noch genauso
anstrengen, dass Pflanzen gesund sind. Sie müssen genauso
aufmerksam beobachten, wie genau sie vorgehen.
Aber sie können das alles mit Mitteln
machen, mit denen sie weitgehend autark sind, die sie auf
ihrem eigenen Hof gewinnen können und mit denen sie sich
selbst und ihre Kunden nicht vergiften.
Regenerative Landwirtschaft ist eine reale
Ausstiegsmöglichkeit in heutigen landwirtschaftlichen
Dimensionen – anders als bei Permakultur, wo man sein
Leben vollkommen umkrempeln und sich vom Konsum und der
Technik verabschieden muss. Der landwirtschaftliche
Betrieb kann, so wie er ist, mit der vorhandenen Technik,
weitergeführt werden – mit Traktor, Spritze, Scheibenegge
und allem rundherum.
Man kann aus dieser immer verrückter werdenden
Problemorientierung aussteigen. Natürlich muss man die
Probleme immer noch im Blick haben, aber der Fokus liegt
auf: Wie stärke ich die Pflanze, dass sie selbst die
Fähigkeit hat, die Probleme zu regulieren. Nicht ich
übernehme das für die Pflanze, indem ich die Atmosphäre
mit Schwefel, Kupfer und so weiter manipuliere – das
riecht man manchmal, wenn man durch Obstanlagen oder über
Felder geht, die frisch gespritzt sind. Die ganze
Atmosphäre ist in eine lebensfeindliche Manipulation
eingenebelt.
Im Gegensatz dazu riecht es in GranDeliSee dann nach Heu?
Der Kompostauszug ist ganz schwach riechend. Aber am
deutlichsten ist es, wenn man zur Bodenbearbeitung
Fermente ausgießt. Kurzzeitig hat man einen sehr
angenehmen Duft in der Landschaft. Es ist wirklich schön
und macht auch die Arbeit angenehmer.
Wie viele arbeiten dort? Kann man sich den Betrieb ansehen
und sich über regenerative Landwirtschaft informieren?
Wir sind ein Team von derzeit drei Gärtnern, ich in
Vollzeit und die anderen Teilzeit. Eigentlich kann man
jederzeit vorbeikommen, von Samstag bis Dienstag ist immer
jemand da. Man muss sich nicht anmelden. Mittwoch ist
Liefertag, da wird also nur in Ausnahmefällen jemand da
sein.
Und wie verknüpfen Sie gesellschaftliche Aspekte mit
regenerativer Landwirtschaft?
Jetzt kommen wir zum Sozialen. Was wir in GranDeliSee
wirklich völlig neu machen und was für die Landwirtschaft
und auch die solidarische Landwirtschaft völlig überfällig
ist: Das ist der gesellschaftliche Umgang mit Qualität und
die Glaubwürdigkeit von Produkten.
Wir sind nicht damit zufrieden, dass
uns irgendeine Kontrollinstanz bestätigt, dass wir gut
arbeiten, sondern wir brauchen Menschen, die das Projekt
kennen, schätzen, verstehen, und die gegenüber der
Öffentlichkeit möglichst zahlreich bezeugen, wie wir
arbeiten.
Denn die Richtlinien des allgemeinen Biosiegels bestehen
fast ohne Ausnahme aus Verboten. Es geht um
Ausschlusskriterien, die sicherstellen, dass die
Nahrungsmittel eine biologische Qualität haben. Das ist
ein Spiegel dieser problemorientierten Denkweise, die ich
schon oft angesprochen habe, bei der das biologische
Gleichgewicht gestört wird.
Es gibt nur diesen Katalog von Verboten, und solange man
sich daran hält, kann die Landwirtschaft so mies sein, wie
es nur irgendwie geht. Und sie ist immer mieser und
cleverer geworden, für chemische Manipulation
Ausnahmeregelungen zu schaffen.
Die Kartoffelkäfer zum Beispiel hängen mit einer
bestimmten Stoffwechselaktivität im Blatt zusammen. Man
weiß, dass blattfressende Schadinsekten kommen, wenn die
Physiologie im Blatt bestimmte Schwellenwerte erreicht,
also wenn der Blattstoffwechsel unter einem bestimmten
Aktivitätswert sinkt, dann hat man blattfressende oder
blattsaugende Schädlinge – je nachdem, in welche Richtung
das Gleichgewicht kippt.
Aber das Blatt wird eben nicht dadurch
besser, dass ich diese Organismen beseitige, sondern ich
muss dafür sorgen, dass der Blattstoffwechsel ein Niveau
erreicht, das die Pflanze für Schädlinge unattraktiv
macht. Und das ergibt gleichzeitig das bessere
Lebensmittel. Die Früchte halten länger, schmecken besser
und sehen auch besser aus. So kann man in der
regenerativen Landwirtschaft damit umgehen.
Und wenn man das jetzt alles macht, kommt man in den
interessanten Bereich, wo man sagen kann, das ist eine
wirkliche Alternative: Ich kann damit von der
problemorientierten Wirtschaftsweise auf eine e