Verschickungsheim: Pinneberger Kreiskinderheim
"Heimattreue"
Zeitraum
(Jahr): Januar/Februar 1962
Zu dem Bericht von Andi aus München vom 26.02.2021
über seine Erfahrungen im "Haus Schwarzwald" in
Ühlingen-Birkendorf möchte ich doch anmerken, dass
m.E. sehr wohl das betr. Heimpersonal eine gehörige
Schuld an der allmählichen Verrohung der Kinder
während des dortigen mehrwöchigen Heimaufenthaltes
trifft:
Durch das dort offensichtliche tatenlose laissez faire
hat man alles laufen lassen bis hin zu Bandenbildung
der Kindergruppen - das ist angewandter
Sozialdarwinismus.
Ursachen sind altersmäßig zu heterogene Gruppen (von
z. B. 6-13 Jahren) sowie das Nichteinschreiten und
Wegschauen des Aufsichtspersonals, welches gerade auch
die Aufgabe hätte, jüngere und schwächere Kinder gegen
die starken und frechen zu schützen, wie es
z.B.normalerweise zu Hause verantwortungsvolle Eltern
tun.
In diesem Zusammenhang möchte ich zu meinem Bericht v.
03.10.2020 noch folgendes ergänzen:
Auch in "meinem" Kinderheim habe ich wiederholt
körperliche Brutalitäten seitens bestimmter älterer
und kräftigerer Jungs meiner Gruppe miterlebt.
Ich selbst mit knapp 9 Jahren stand zwar unter dem
Schutz eines kräftigen durchsetzungsstarken Jungen
(Peter) aus meiner Nachbarstadt, der mich offenbar
mochte, weil wir der gleichen christlichen (kath.)
Minderheiten-Konfession angehörten.
Aber mein gleichaltriger Klassenkamerad Alwin F. wurde
im Schuhkeller, wo wir unsere Haus- gegen
Straßenschuhe und umgekehrt wechseln mussten, öfters
von einem etwas älteren Jungen (Manfred Pr.) und
dessen Komplizen verdroschen, ohne dass ich oder
andere dagegen einschritten. Für meine diesbezügliche
auf Feigheit und Ängstlichkeit begründete
Tatenlosigkeit schäme ich mich bis heute.
Möglich waren diese Misshandlungen. a. Deshalb, weil
im Schuhkellerraum während des Schuhewechselns niemals
eine erwachsene Aufsichtsperson dabei war.
Eine schon von anderen gelegentlich geschilderte
unangenehme Erinnerung bzgl. des Fiebermessens
bei Krankheit im Krankenzimmer habe übrigens auch ich
gemacht:
Auch in meinem Heim erfolgte das rektal - eine für
mich durchaus ungewohnte und von mir als sehr peinlich
empfundene Methode.
Abschließend möchte ich noch von einem mehrfach
wiederholten Streich berichten, den mein
Klassenkamerad Alwin und ich den Aufseherinnen
wiederholt spielten, ohne dass diese uns als
Verursacher herausbekommen haben.
Wir Jungs schliefen in einem großen Schlafsaal zu
insgesamt geschätzt 50 - 60 Betten, der in der Mitte
durch einen ca. 2m breiten Mittelgang geteilt war. Auf
der einen Seite dieses Mittelgangs lagen die jüngeren
Jungs unter 6 Jahren, auf der anderen Seite wir
größeren Jungs. Vorne war ein ebenfalls breiter freier
Quergang, und der Mittelgang endete an einer
doppelflügeligen mittigen Tür, durch die der
Schlafsaal betreten wurde. Der Fußboden bestand nach
meiner Erinnerung aus Holzbrettern oder vielleicht
auch Parkett, und die Längsseite des Saales zumindest
auf unserer Seite war vom Fußboden aus bis in eine
Höhe von geschätzt 1 - 1,5 m mit Holzbrettern
verkleidet. Alwin und ich hatten unsere Betten ganz
weit vorne mit Blick auf die Flügeltür und dem Flur
dahinter, Alwins Bett stand direkt am breiten
Mittelgang des Saales, meines links daneben. Wir
hatten natürlich bemerkt, dass es wegen des
Holzfußbodens relativ laut war, wenn man sich darauf
bewegte.
Nachts war es im Saal zudem total dunkel, allenfalls
durch den davor liegenden Flur und die offenstehende
Flügeltür fiel ein wenig Dämmerlicht von einer
entfernten Notbeleuchtung. Die Aufsichtspersonen
mussten also mit Taschenlampen leuchten, wenn sie
etwas sehen wollten.
Wir waren somit nachts vollkommen unbeobachtet,
solange es stockdunkel war - selbst seitens unserer
Saalgenossen.
So kamen wir beide in den letzten beiden Wochen
unseres Kuraufenthalts auf eine Idee, wie wir
bestimmte uns besonders verhasste Aufsicht führende
"Tanten" ärgern konnten:
Wir strecken ein Bein aus dem Bett und klopften mit
der Ferse mehrfach kräftig auf den Holzfußbodens,
danach zogen wir es schnell wieder unter die
Bettdecke. Die dadurch verursachten dumpfen
Klopfgeräusche waren weithin zu hören, und alsbald
erschien die Aufsicht mit der Taschenlampe, um nach
der Herkunft und Ursache zu forschen. Sie hat es nie
herausgefunden, denn wir waren es ja schon von der
Mittagsstunde her gewöhnt, uns nicht zu verraten und
schlafend zu stellen. Sie war natürlich darüber wütend
und frustriert, den Täter nicht zu ermitteln,
vermutete schließlich u. a. zu Unrecht, die neben der
Holzverkleidung an der Wand liegenden Jungs seien es
gewesen und verhörte diese, die ja ahnungslos waren.
Unter lauten Drohungen zog die betr. "Tante"
schließlich wieder unverrichteter Dinge aus dem
Schlafsaal ab.
Wir haben unser Geheimnis beide strikt für uns
behalten auch vor der übrigen Gruppe, und so ist es
bis zu unserer Abreise nie heraus gekommen, obwohl wir
das nächtliche Klopfen in unregelmäßigen Abständen
noch ein paar Male wiederholten. Für uns beide
underdogs eine große Befriedigung, hier mal dem
ungeliebten Regime des Heimes aber auch den frechen
und brutalen Rädelsführern der Gruppe ein Schnippchen
schlagen und auch mal eine eigene bescheidene
Machtprobe zeigen zu können.
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